Juni Tage

Jedes Jahr dasselbe Gefühl. Mitte Juni, wenn die Tage hell sind, fahre ich an Feldern vorbei, auf denen das Gras geerntet wurde. Mich erfasst Traurigkeit. Schade, schon bald wird es unaufhaltsam dunkler. So sehr ich mich jedes Jahr am 21.12. freue, dass es heller wird, so traurig werde ich, wenn es beginnt dunkler zu werden. Der Gedanke daran taucht immer mit den abgeernteten Feldern auf. Verstärkt sich dann Anfang Juli, wenn man morgens einen ganz zarten Hauch von Herbst riechen kann. So wie man Anfang Februar einen zarten Hauch von Frühling riechen kann. Irgendwie ja ein bisschen Till Eulenspiegel, der sich beim Berg hoch gehen auf den Abstieg freute...

Kinderspielplatz

 

Letzte Woche morgens beim Tai Chi. Wir trainieren neben einem Kinderspielplatz. An dem Tag tobten dort Kindergartenkinder. Immer wieder gerne vom Trainer genutzt, um mir optimale Bewegungsmuster zu zeigen. Mein Argument, dass ich erheblich mehr Jahre auf dem Buckel habe, zählt dann nicht. Sei es drum.

 

Wir machen unsere Übungen als ich am Ende weggehe, gucken mich zwei kleine Mädchen mit großen Kulleraugen freundlich an. Die eine fragt freundlich: „Na, hat der Sport Spaß gemacht?“ Ich lächle in mich hinein, genieße diesen wunderbaren Moment. Ich mag Kinder, die den Kontakt aufnehmen, die fein beobachtet haben. Der Tag fängt gut an.

 

Blickwinkel

 

Blickwinkel, kommt es nicht immer darauf an, wie wir auf eine Situation, ein Erlebnis schauen?

 

Ich habe meine Kinder zu einer Veranstaltung eingeladen, alle drei haben mir aus den unterschiedlichsten Gründen abgesagt. Mama ist ein bisschen enttäuscht und formuliert das auch klar und deutlich. Was passiert? Ein Kind erklärt mir: „Tja, Mama, Pech gehabt. So ist das Leben. Da musst du jetzt leider durch.“

 

Ich könnte jetzt grummeln, beleidigt sein. Ich habe mich gefreut. Gefreut, so selbstbewusste Kinder zu haben. Kinder, die gut für sich selbst sorgen können, sich nicht verpflichtet fühlen, meine Wünsche zu erfüllen. Es sieht so aus, als hätte ich ihnen vermitteln können, dass sie nicht für mein Wohlgefühl verantwortlich sind. Sie trauen mir zu, selbst für mich sorgen zu können. Super, alles richtig gemacht…

 

Schreiben

 

"Aus diesem Grund ist Schreiben kein Luxus. Es ist eine Möglichkeit, das Namenlose zu benennen, so dass es gedacht werden kann. Der Weg an den fernen Horizont unserer Hoffnungen und Ängste ist gepflastert mit Texten, die wir aus dem Fels unserer alltäglichen Erfahrungen herausgeschlagen haben."

 

Abgewandelter Text von Audrey Lorde

 

Mir ist dieser Text begegnet und ich finde er beschreibt ziemlich gut die Essenz von schreiben. Schreiben hilft die Gedanken zu sortieren, das Namenlose zu benennen. Eine gut Möglichkeit sind die sogenannten Morning Papers. Jeden Morgen 1- 3 Seite einfach aufschreiben, was da so im eigenen Kopf herumschwirrt. Manchmal tauchen dann einfach nur Belanglosigkeiten auf wie „Ich habe gerade Kafee getrunken“ und manchmal werden ganz tiefe Prozesse angestoßen und es fließt. Man kann kaum aufhören zu schreiben. Anschließend geht man ein Stückchen klarer in den Tag. Probiert es  mal aus.

 

Bewusstsein

 

Der wunderbarer Friedensforscher Daniele Ganser hat neulich in einem Vortrag über das Bewusstsein der Menschen gesprochen. Seine Behauptung ist: „Man ist nicht der Körper und nicht die Gedanken, man ist das Bewusstsein.“ Aus diesem Bewusstsein heraus kann man die eigenen Gedanken und Gefühle beobachten. Das ist besonders wichtig in Momenten, in denen man aufgewühlt ist. Aufgewühlt sind wir auf der Ebene der Gedanken und der Gefühle. Das Bewusstsein kann nicht aufgewühlt sein, kann niemals aus der Balance kommen. Ist es nicht wundervoll zu wissen, dass es da einen Ort gibt, an dem nichts in Unordnung sein kann?

 

Wie gelingt es dorthin zu kommen? Ich glaube, da hilft nur üben. Wieder und wieder in aufgewühlten Momenten zu üben, aus dem Aufruhr herauszutreten und sich selbst aus der Ferne zu beobachten. Probiert es einmal aus, es lohnt sich.

 

Mittelaltermarkt

 

Mittelaltermärkte, immer wieder mal anzutreffen. Einige haben Freude daran, sich zu verkleiden wie im Mittelalter, sich mit Sachen aus dem Mittelalter zu umgeben. Ich schlendere über diese Märkte und finde es eigentlich nur gruselig. Es fühlt sich irgendwie dunkel und schwer an.

 

Ich finde, dass die alten Klamotten, die getragen werden, stinken, alt und muffig, sehr unangenehm. Ich sehe keinen Sinn darin, Met in allen möglichen Geschmacksrichtungen zu erwerben, meinen Haushalt mit Olivenholzlöffeln oder Kupferschmuck auszustatten. Ich frage mich dann jedes Mal, was die Menschen veranlasst, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen, die alles andere als großartig war für die meisten Menschen?

 

Was treibt sie an, diesen Zeitraum zu wiederholen? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, Mittelaltermarkt, nicht mein Ding.

 

Halb voll oder halb leer?

 

Ein zur Hälfte gefülltes Wasserglas, da wird oft die Frage gestellt, ob das Glas für dich halb voll oder halb leer ist. Rückschlüsse werden gezogen, ob du nun ein Optimist oder ein Pessimist bist. Was ist, wenn das Glas schlicht und ergreifend für dich zur Hälfte gefüllt ist. Ganz ohne Bewertung, ob nun voll oder leer. Ist das nicht eigentlich das Ziel, Dinge wertfrei zur Kenntnis zu nehmen?  Es spielt überhaupt keine Rolle, ob mir das Glas voll oder leer vorkommt, Tatsache ist, dass sich x ml Flüssigkeit im Glas befinden. Entscheiden ist, ob das für meinen Durst reicht oder nicht. Und das ist vermutlich an jedem Tag anders, mal reicht es und mal nicht. Wenn es nicht reicht, muss ich tätig werden und nachfüllen. Das kann man auf alle möglichen anderen Situationen im Leben übertragen. Entscheidend ist immer festzustellen, wie eine Situation ist und ob mein Bedürfnis damit erfüllt werden kann. Wenn mein Bedürfnis nicht erfüllt wird, muss ich handeln, ansonsten kann ich sie wertfrei so stehen lassen. Das dürfen wir alle immer wieder üben

 

Prokrastination

 

Manchmal da gibt es einfach diese Tage an denen man einen inneren Widerstand spürt. Widerstand gegen die Aufgaben, die an dem Tag vor einem liegen. Man beginnt langsam, schlägt Haken, weicht aus. Gerade eben schnell nochmal bei Facebook gucken, schnell noch einen Kaffee kochen. Alles nur um die anstehende Arbeit zu umgehen. Die Arbeit läuft nicht weg. Sie wartet geduldig, bis wir bereit sind, uns mit ihr zu beschäftigen. Menschen gehen unterschiedlich mit dieser Situation um, es gibt diejenigen bei denen bleibt die Arbeit dann halt liegen, liegen bis irgendwann. Und es gibt die anderen, die erledigen brav die Aufgaben, auch wenn sie keine Lust dazu haben. Diese Menschen wirken auf uns strukturierter, erfolgreicher, aber vielleicht auch mehr unter Anspannung.

 

Wir Deutschen sind aufgewachsen mit dem Satz „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen“. Diese Woche habe ich einer Podcast-Folge mit Karim, einem Ghanaer gelauscht. Gefragt, wie sein erster Eindruck von Deutschland war, kam das Wort „Druck“. Recht hat er, wir alle stehen unter Druck, wir alle machen uns Druck. Nehmen die Widerstände, die wir fühlen nicht ernst. Was wäre eigentlich, wenn wir öfter mal, diese Widerstände ernst nehmen würden. Uns ausruhen würden, wenn Arbeit heute einfach nicht dran ist. Es aushalten könnten, entspannt auf dem Sofa zu liegen und die Arbeit einfach nur anschauen würden. Eine echte Lernaufgabe wartet da auf viele von uns….

 

Mensch Oma

 

„Mensch Oma“, dieses wundervolle Kinderbuch habe ich für meine Enkeltochter gekauft. Ich habe mich sofort in die Geschichten rund das kleine Mädchen Nora und seine Oma verliebt. Beim Lesen sieht man die beiden förmlich vor sich, ich konnte gar nicht aufhören, selbst die Geschichten zu lesen. Habe vergnüglich in mich hinein geschmunzelt  bei dieser Lektüre.

 

Nora sagt zu ihrer Oma immer: „Immer nie“, Immer nie darf ich Fernsehen, immer nie gibt es Gummibärchen. Was für eine schöne Formulierung.

 

Die Geschichten beschreiben den Alltag mit der Oma und manchmal gehört eben auch Elefanten vertreiben aus dem Flur zum Alltag. Das wird von der Oma ernst genommen und sorgfältig ausgeführt. Und am Ende der Geschichte gibt es dann einen Flur, in dem keine Elefanten wohnen und keine Mäuse und sicher auch keine braunen Bären.

 

Natürlich habe ich mir vor dem Kauf des Buches die Rezensionen angeschaut, durchweg positiv und doch gab es da einige, die mich im Nachhinein den Kopf schütteln lassen. Da bewertet jemand das Buch schlecht und schreibt: „Die Geschichten fangen gut an, aber das Ende der Geschichten ist haarsträubend, nichts für 3 -jährige.“ Also bitte, welche 3-jährige versteht nicht, dass man Elefanten aus dem Flur vertreiben muss?

 

Kollateralschaden

 

Kollateralschaden, ein Begriff aus dem militärischen Bereich. Im Wort Kollateral steckt die lateinische Vorsilbe „con“ und das deutsche „lateral“ mit der Bedeutung „benachbart, seitlich nebeneinander angeordnet“. Kollateralschäden sind Schäden, die bei einer militärischen Auseinandersetzung entstehen und nicht beabsichtigt sind.

 

Die verordnete Auseinandersetzung mit dem Corona Virus hat uns eine Menge Kollateralschäden beschert. Ja, man kann dieses Wort hier nutzen, den Anlass ist ein Kampf. Ein Kampf gegen ein Virus, ein Kamp um Haltungen.

 

 Zwangshandlungen haben zugenommen, sieht man aktuell ziemlich gut, wenn Maske getragen wird, obwohl sie nicht getragen werden muss. Menschen sind vereinsamt, ziehen sich zurück, halten sich fern von ach so notwendigen menschlichen Kontakten. Die Depression steht schon wartend vor der Tür. Angststörungen greifen um sich, so als hätte Corona alle die seit Jahren verborgenen Ängste ans Tageslicht gespült. Leider wird diese Angst nicht angeschaut und bearbeitet, sondern einfach mal auf Corona projiziert. Ist offensichtlich einfacher.

 

Kinder lernen später sprechen, weil der die Masken es ihnen verwehrt haben, die Mimik der Erwachsenen zu studieren. Kindern ist ein völlig schräges Weltbild vermittelt worden, dass ihren natürlichen Drang Kontakte zu schließen, Menschen zu umarmen, Gesichter zu lesen, unterbunden hat. Sie wurden daran gewöhnt ihr Gesicht zu verhüllen mit unabsehbaren Folgen. Was haben wir dieser Generation angetan? Die Folgen werden die Therapeuten in den nächsten Jahren spüren und nicht nur die. Wir alle sind konfrontiert mit diesen Kollateralschäden und die Gesellschaft wird lange brauchen, die Gräben zu kitten und die Schäden zu heilen. Als erstes Mal müssen diese Schäden überhaupt wahrgenommen werden, muss aus der Distanz heraus auf die Krise geschaut werden. Können wir das?

 

Verstehen

 

Die großartige Journalistin Gabriele Krone- Schmalz, einige werden sich erinnern, hat in einem Gespräch über das Wort „verstehen“ philosophiert. Verstehen bedeutet nicht, Verständnis für, sondern es bedeutet, die Handlungen eines anderen einordnen zu können, zu wissen wie der andere tickt und was er warum tut. Intelligentes Handeln setzt Verstehen voraus. In dem Gespräch der Russlandkennerin ging es natürlich um Putin und sie bemängelte, dass Journalisten ihre Hauptaufgabe vernachlässigen, den Menschen zu helfen, zu verstehen. Wie wahr. Das gilt im Übrigen nicht nur für Putin sondern genauso für die Corona-Krise. Da werden gebetsmühlenartig immer wieder dieselben Aussagen wiederholt, ohne sie auf Werthaltigkeit zu überprüfen und kritisch zu würdigen. Da werden Brennpunkte gesendet, die weiter gehende Informationen vermissen lassen und die Gesellschaft zumüllen mit Informationen über deren Werthaltigkeit man getrost streiten darf. Ich wünsche mir Journalisten, die den Finger in die Wunde legen, die ungewohnte Blickwinkel einnehmen, die uns aufrütteln und berühren. Wo sind sie?

 

Resonanz

Die Welt ist schlecht, voller Egoismus. Immer wieder höre ich Menschen auf diese Weise jammern. Ich frage mich dann immer, ob sie irgendwie in einer anderen Welt leben. In meiner Welt gibt es freundliche, hilfsbereite Menschen, die sich gegenseitig unterstützen. Gibt es Menschen, die zurück lächeln. Was für eine Welt kreiere ich mir selbst, wenn ich jedem Egoismus vorwerfe, glaube, dass das Leben voller Hindernisse ist? Vermutlich werde ich dann auf genau diese Hindernisse treffen. Schließlich gucke ich nur in diese Richtung und übersehe dabei vielleicht all die Wunder und schönen Dinge, die vor mir liegen. Welche Resonanz bekomme ich, wenn ich der Welt mit Mißtrauen begegne. Blickwinkel verändern hilft- garantiert.
Heute begegnete mir passenderweise dieser Text:
Sei ein Spiegelbild dessen, was du gerne bei anderen sehen möchtest.
Willst du Liebe, gib Liebe !
Willst du Ehrlichkeit, sei ehrlich ! Willst du Respekt, dann gib Respekt.
Du bekommst zurück was du gibst..!

 

Stiller Ort

 

Kennt ihr diesen Ort, diesen Platz in euch, an dem es ganz still und friedlich ist. Dieser Ort an dem wir einfach sind. Ohne Bewertung durch andere, ohne Anforderungen von außen, ohne Schuldgefühle, ohne Scham. Manchmal habe ich das Gefühl, dass zu wenige Menschen, diesen Ort kennen. Denn würden ihn mehr Menschen kennen, wäre das Leben etwas weniger mit Aufgeregtheiten gefüllt, würden wir weniger oft sinnfreie Diskussionen führen. Würden wir alle uns zufriedener, sicherer, sozusagen resilienter fühlen. Würden wir nicht so schnell auf jeden Impuls von außen anspringen, uns nicht von Medien verführen lassen. Ich empfehle, immer wenn wir beginnen uns über Dinge aufzuregen, die wir sowieso nicht beeinflussen können, abtauchen an diesen sicheren Ort. Immer wenn wir uns angegriffen, verletzt fühlen, abzutauchen in uns selbst. Den Ball, der uns da gerade zugeworfen wird, einfach nicht auffangen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich auf den Weg machen, diesen Ort zu finden. Es lohnt sich....

Rollstuhl-Tanzen

 

Rollstuhltanzen, mein Mann und ich haben das Rollstuhltanzen für uns entdeckt. Einmal wöchentlich treffen wir uns mit anderen Rolli-Fahrern und trainieren, Rumba, Samba, Wiener Walzer, langsamen Walzer, ChaCha. Eine lustige Truppe ist da zusammen und wir haben immer richtig Spaß miteinander. Das tolle Trainerpaar Viola und Eric machen es möglich. Eric ist Vizeweltmeister im Rollstuhl-Tanzen und hat schon gewisse Ansprüche an die Teilnehmer, die wir zugegebenermaßen nicht immer erfüllen können. Aber wir arbeiten daran…..Viola ist gelernte Theaterpädagogin und bringt Schwung und Ausdruck in die Runde.

 

Ich war verblüfft, dass wirklich das Gefühl von gemeinsam Tanzen entsteht, auch wenn man körperlich nicht auf Augenhöhe ist. Und verblüfft, wie sich die Wahrnehmung verändert. Inzwischen sind da nicht mehr Rolli-Fahrer und Fußgänger, sondern einfach Tanzpaare. Faszinierend.

 

Gut, dass wir uns aufgemacht haben, das Rollstuhl-Tanzen auszuprobieren…

 

Lösung?

 

In diesen Tagen, in denen Krieg vor unserer Haustür stattfindet, sind die Menschen beunruhigt, aufgebracht. Es gilt immer noch der alte Satz: „Wenn Krieg die richtige Antwort ist, dann stellen wir die falschen Fragen“. Das gilt immer, wir werden aber offensichtlich nur dann hellhörig, wenn der Krieg näher rückt. 2020 gab es weltweit 359 Kriege und Konflikte, Konflikte bei denen Menschen ums Leben kamen. Im Jemen, in Afghanistan, in Syrien, in Mali, in Indien. Wo waren wir da, wo haben wir da demonstriert? Wenn Menschen sterben, ist es egal, wo auf der Welt sie sterben. Das Leid ist immer gleich groß.

 

Rückt der Krieg näher, entscheiden Politiker, Waffen zu liefern und werden von vielen Menschen, in diesem Handeln bestätigt. Kann das die richtige Lösung sein? Waffen haben noch nie zum Frieden beigetragen. Wäre es nicht wichtiger zu reden und die unterschiedlichen Bedürfnisse gelten zu lassen?  Eine Lösung zu finden. Eine tragfähige Lösung?  Mit Waffen wird lediglich das Spiel weiter gespielt. Es ist Zeit, höchste Zeit endlich aus diesen Spielen auszusteigen….

 

Blickwinkel

 

Blickwinkel verändern, wie oft ist da notwendig im Leben? Heute Morgen konnte ich einer Frau, die sich das Handgelenk gebrochen hat, genau diesen Impuls geben. Sie klagte darüber, dass sie ja nun nicht putzen könne, ihre Hausarbeit nicht so wie sonst erledigen könne. Ich habe ihr vorgeschlagen, genau diesen Umstand als willkommen Entschuldigung dafür zu nehmen, sich hinzusetzten, einen Tee zu trinken und ein gutes Buch zu lesen. Alles Dinge für die oft im Alltagsleben keine Zeit ist, jetzt ist die Zeit da und es sie darf sie dankbar annehmen und genießen.

 

Wie oft stehen wir da und jammern und klagen, dass die Dinge so sind wie sind, uns hindern bestimmte Dinge zu tun? Wie oft können wir dann die Kehrseite der Medaille nicht erkennen? Können nicht sehen, dass genau diese Blockade uns dafür anderes ermöglicht? Uns in die Lage versetzt, Erfahrungen zu machen, die wir ohne dieses Ereignis nie gemacht hätten. Wertvolle Erfahrungen, an denen wir uns erfreuen können, die wir durchaus genießen dürfen, obwohl da vielleicht gerade das Drama tobt. Und wie sehr es uns befreit aus genau diesem Blickwinkel auf das Ereignis zu schauen. Probiert es aus – es lohnt sich!

 

Vollkasko

 

Demokratie ist keine Vollkaskoversicherung. Dieser Satz schwingt in mir nach. Es folgt der Hinweis, dass wir aktuell in einer Gesellschaft leben, in dem immer ein Schuldiger gesucht wird.  Wenn etwas passiert, so die Idee, muss irgendwer schuld sein und dafür haften. Normale Lebensrisiken werden ignoriert. Ja, überall wo Menschen agieren, Menschen arbeiten werden Fehler gemacht. Fehler aus Unaufmerksamkeit, mangelnder Kenntnis, Unerfahrenheit oder auch einfach nur so. Einfach, weil Fehler passieren. Wo kommen wir als Gesellschaft hin, wenn wir diese normalen Lebensrisiken nicht mehr akzeptieren können. Wir müllen uns zu mit Checklisten, Dokumentationen, Zertifizierungen, Absicherungen und vergessen darüber oft das eigentlich notwendige Handeln, trauen uns nicht mehr tätig zu werden, erstarren in Angst. Macht das Sinn?

 

Ich glaube eher nicht. Was wäre, wenn wir alle uns aufmachen würden, wieder Vertrauen ins Leben zu fassen. Wenn wir es einfach aushalten könnten, dass ab und zu Dinge schief gehen, wir aufhören würden, Schuldige zu suchen. Trauen wir uns doch erst einmal diesen Gedanken überhaupt zu denken.

 

Vielleicht hilft ja Erich Kästner, der schon vor vielen Jahren gesagt hat: „Leben ist immer lebensgefährlich!“

 

Gemeinschaft

 

Diese Woche bin ich in einem, wieder einmal genialen, Vortrag, von Ulrike Guerot über den Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft gestolpert. Gemeinschaft ist eine Gruppe von Menschen, die die gleichen Interessen vertreten. Gesellschaft dagegen ist eine Gruppe von Menschen mit der gleichen Kultur, auf dem gleichen Territorium, die gemeinsam interagieren. Sie müssen nicht die gleiche Meinung haben, die gleichen Interessen vertreten. Wir alle können uns in schlechter Gesellschaft befinden, aber niemals in schlechter Gemeinschaft. Wenn die schlecht ist, verlassen wir sie einfach.
Zurzeit versucht unsere Gesellschaft, die Regeln der Gemeinschaft durchzusetzen. Alle sollen bitte schön einer Meinung sein, wer anderer Meinung ist, wird ausgegrenzt. Warum ist das so? Gibt es in unserer Single Gesellschaft etwa zu wenig Gemeinschaft? Lechzen die Menschen besonders in Krisenzeiten nach Gemeinschaft und tun doch viel dafür, genau diese Gemeinschaft zu zerstören? Was brauche wir alle, um Gemeinschaftsgefühle erleben zu können? Denkt mal darüber nach, bitte

 

Artgerecht

 

Oft diskutieren wir über artgerechte Tierhaltung. Heute tauchte die Frage auf, was ist eigentlich artgerechte Menschenhaltung? Wie könnte ein artgerechtes Leben aussehen? Wie sieht dein artgerechtes Leben aus? Welche äußeren Bedingungen sollten erfüllt sein, damit du dich wohl fühlst?

 

Viel oder wenig Kontakt zu anderen Menschen, welche Arbeit sollte es sein, wie sieht der perfekte Wohnraum aus? Ist es eher ruhig oder eher trubelig, Routine oder bloß keine Wiederholungen?

 

Und was ist mit artgerechtem Denken? Damit könnte doch jeder von uns jederzeit beginnen. Artgerecht denken, heißt für mich, den Antreiber, den Zweifler, den Bremser öfter mal zum Schweigen zu bringen und dafür dem Ermutiger, dem Unterstützer, der Freundin eine Stimme zu geben. Ruhe ins Oberstübchen zu bringen, durchatmen und sich selbst nett und liebevoll zu behandeln. So wie wir gerne behandelt werden würden. Was hindert dich damit anzufangen: heute, jetzt!

 

Differenzierung

 

Differenzierung, schon das Wort ist nicht einfach. Wie schwer ist es erst das Leben differenziert zu betrachten. Die meisten Menschen, die ich kenne, können es eher nicht. Gerade in den letzten Tagen gab es mal wieder den Beweis dafür. Ich hatte suchte für eine schwerkranke Freundin eine Haushaltshilfe in dem Ort, in dem wir früher gewohnt haben. Also habe ich alte Bekannte um eventuelle Tipps gefragt. Unter anderem eine Person, die mir wegen unserer unterschiedlichen Haltung zu den Corona-Maßnahmen bei Facebook die Freundschaft gekündigt hat. Diese Person betreut Flüchtlinge und es hätte ja sein können, dass es dort jemand gibt, der Arbeit sucht. Arbeit vermitteln hat so ziemlich gar nichts mit unterschiedlichen Meinungen zu tun. Was soll ich sagen, dieser Mensch hat natürlich nicht geantwortet. Ist schon schwer das eine vom anderen zu trennen….

 

Das Leben schmecken

 

Wie schmeckt dein Leben?

Habt ihr euch schon mal diese Frage gestellt?

Ich finde es spannend in Sinneseindrücken zu beschreiben. Wie klingt dein Leben wäre auch eine Option. Aber heute, wie schmeckt dein Leben? Süß wie Marmelade oder bitter wie eine Grapefruit oder eher wie Zartbitterschokolade?

Schmeckt es heute wie eine Pizza, die sich ganz nach dem eigenen Geschmack belegen lässt. Unterschiedliche Aromen aus den Zutaten des Tages. Vielleicht erstmal emotional ein wenig durchgeknetet, dann aber entspannt ausgerollt. insgesamt also eine runde Sache. Oder schmeckt es heute wie sonnenreife Mango, die leicht und sanft durch den Rachen gleitet? Die man mit der Zunge runter schubsen kann?

Oder schmeckt es ganz unangenehm, wie Salz oder ein holziger Kohlrabi. Oder wie das Essen, dass du nicht runterbringst, verbunden mit Ekelgefühlen. Das wäre bei mir z. B. Milchreis 😉

Könnt ihr, wenn ihr darüber nachdenkt, eine besondere, eher unbekannte Note entdecken?

Das Leben verkosten, eine gute Idee für nebelige Januartage.

Geld

 

„Geld regiert die Welt, dieser Satz ist uns allen vertraut. Nicht nur der Satz, auch die Wirklichkeit, die mit diesem Satz verbunden ist, kenne wir alle nur zu gut. Ich glaube sie ist so ins verankert, in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert, dass kaum jemand sich wirklich vorstellen kann, wie eine Welt aussehen könnte, in der nicht Geld das Maß aller Dinge ist. Es gibt ein spannendes Buch von Bern Litaer, ehemals Manager des Weltwährungsfonds. Es heißt „Das Mysterium Geld“. Er schreibt über die archetypischen Muster, die dem Geld zugrunde liegen. Aktuell steht der Krieger im Vordergrund und überall dort, wo dieser Kerl dominiert, sind Gier und Angst unterwegs. Wunderbar zu beobachten an Börsenverläufen.

 

Dem Geld fehlt komplett der Archetyp der Großen Mutter. Immer wenn sie im Spiel ist, steht das sorgen, sich kümmern im Vordergrund. Ich finde das englische Wort „to care“ beschreibt es ziemlich gut. Es hat Zeiten gegeben, in denen dieser Archetyp da war. Da ging es der Mehrheit der Menschen gut. In diesen Zeiten wurde z.B. das Geld immer am Ende des Jahres in die Währung des nächsten Jahres umgetauscht mit einem Abschlag. Das hatte zur Folge, dass immer sehr viel renoviert wurde, denn die Menschen bevorzugten es das Geld sinnvoll anzuwenden, statt es zu horten und einen Verlust zu erleiden. So einfach könnte es sein.

 

Wenn Geld nicht die Welt regieren würde, wer oder was sollte es dann tun? Könnten wir uns weisen Menschen anpassen, könnten jeder so viel Verantwortung tragen, dass immer alle gemeinsam versuchen würden, zu einer akzeptablen Lösung zu kommen? Könnten wir Regeln aufstellen, die es verbieten würden, ausschließlich aus finanziellen Gründen zu handeln? Könnten der Wert und die Würde von Arbeitnehmern wichtiger sein als Share Holder Value. Würde denjenigen die Wertschätzung entzogen, die nicht den Menschen im Blick haben?

 

Fragen über Fragen. Es lohnt sich Antworten zu finden….

 

Körper Seele Geist

 

Körper, Seele, Geis -  Inzwischen sind viele Menschen davon überzeugt, dass der Mensch eine Einheit von Körper, Seele, Geist ist. Eine Einheit, was heißt das denn eigentlich?  Heißt das, dass die Anteile immer im Gleichklang schwingen müssen? Seele und Körper immer dasselbe fühlen müssen? Dann würden wir ja etwas falsch machen, in einem Moment, in dem der Körper müde ist, schlafen möchte und Seele und Geist ein anderes Bedürfnis haben, z.B. nach ein Bedürfnis nach Austausch mit anderen. Für mich ist die Frage, wie wir mit solchen Momenten umgehen. Empfinden wir dann eine große Dissonanz zwischen den einzelnen Teilen, sind unsicher, was wir dann tun können? Oder sind wir gelassen und folgen einfach der größten Bedürftigkeit. Unser Körper ist Träger der Seele und des Geistes, ist der am stärksten manifestierte Ausdruck, heißt, wenn die Basis müde ist, hat das höchste Priorität, denn alle anderen Anteile werden nicht agieren können, wenn der Träger nicht mitspielt. Übersetzt heißt das: „Schlafen gehen, wenn der Körper danach verlangt!“

 

Es bedeutet auch, den Körper ernst zu nehmen, sehr ernst und ihn nicht als notweniges Übel zu betrachten, dass sich „höheren“ Zielen unterordnen muss. Klar kann es ab und zu Situationen geben, in denen das nicht möglich ist und wir die Müdigkeit unseres Körpers für einige Zeit erstmal ignorieren müssen. Das darf aber kein Dauerzustand werden, denn dann wird das gesamte System in Schieflage geraten.

 

Um das gut spüren zu können, müssen aber auch Seele und Geist gut versorgt sein, denn wenn wir unsere seelischen, geistigen Bedürfnisse dauerhaft ignorieren, gerät das System genauso in Schieflage und wir drohen krank zu werden.

 

Also gut aufpassen auf alle Anteile, damit Einheit entstehen kann.

 

Das neue Jahr

 

Da liegt es vor uns da neue Jahr, glatt wie eine Wiese mit frischem gefallenem Schnee. Noch sind keine Fußstapfen erkennbar. Es liegt an uns die ersten Schritte zu machen, Zeichen zu hinterlassen. Oft sind wir voller Erwartung, was das neue Jahr uns bringen wird. Wie wäre es, wenn wir uns vorstellen, was wir dem neuen Jahr zu geben haben.  

 

Wie wir es prägen können. Welche Spuren wir hinterlassen wollen. Wenn uns bewusst wäre, dass das was wir erleben werden in diesem Jahr, geprägt sein wird von uns und unserer Haltung. Also wählt sorgsam, aus welchem Blickwinkel ihr auf das Leben schauen wollt. Alles Gute für 2022.

 

Weihnachten

 

Weihnachten

 

Das Weihnachten meiner Kindheit, das wie ein Traum in mir abgespeichert ist. Die Tage vor Weihnachten knisterten schon, knisterten wie eine Funken sprühende elektrische Leitung. Mein kleines Kinderherz war aufgeregt, sehr aufgeregt. Das Einschlafen abends fiel schwer. Spannung lag in der Luft. Und dann der Morgen des Heiligenabends. Das Wohnzimmer war abgeschlossen. Man hörte Rascheln hinter der Tür. Der Versuch, durchs Schlüsselloch zu linsen, wurde von dem Tuch, das innen über der Türklinke hing, abgeblockt. In meiner Vorstellung arbeitete das Christkind hart daran, hinter der Tür alle Geschenke gut zu platzieren. Die Zeit schlich dahin. Es gelang nicht mehr, wirklich konzentriert zu spielen. Ich schlich um meine Mutter herum, auf der Suche nach schützender Nähe.

 

Am Nachmittag gab es dann Tee und Kekse in der Küche. Gefühlt saßen alle erwartungsvoll herum. Vermutlich waren es die Erwachsenen, Vater, Mutter und die Oma weniger als wir Kinder. Oft waren hilfsbedürftige Verwandte dabei, Verwandte, die ihre Partner verloren hatten und nun Weihnachten nicht allein sein sollten.

 

Und dann, dann irgendwann endlich verschwand der Vater und kurze Zeit später ertönte das Glöckchen. Ich konnte vor Anspannung kaum atmen, ging vorsichtig mit meinem Bruder als erste durch die Wohnzimmertür und dann stand er da, dieser wundervolle Weihnachtsbaum. Glitzerte im Licht der echten Kerzen. Damals noch mit viel Silber und Lametta. Davor die Geschenke auf dem Tisch, bunt und großartig anzuschauen. Die Schallplatte mit dem Bielefelder Kinderchor lief: Stille Nacht, heilige Nacht. Und wir haben mehr schlecht als recht mitgesungen. Ein, maximal zwei Lieder. Alle haben sich danach fest umarmt und sich frohe Weihnachten gewünscht. Und dann ging es ans Auspacken. Ich habe immer einen Moment gezögert, das erste Geschenk auszupacken. Den Zauber noch ein bisschen erhalten. Denn in diesem Moment war der Zauber vorbei, war irgendwie zerstört. Dieser wundervolle, zauberhafte Weihnachtszauber.

 

Später wollte ich diesen Zauber für meine Kinder auch kreieren. Mein Mann und ich haben an einem langen Sommerabend, als wir noch gar keine Kinder hatten, eine heftige Diskussion darüber geführt, ob Kinder den Baum vor der Bescherung sehen dürfen oder nicht. Ich war natürlich mit meiner Erfahrung vehement für Nichtsehen. Wir haben damals keine Lösung gefunden, aber als wir dann Kinder hatten, lebten wir in einer Wohnung, in der das Wohnzimmer ein Durchgangszimmer war. Durchgang zum Kinderzimmer. Damit hatten sich alle Diskussionen erledigt und unsere Kinder haben von Anfang an geholfen, den Baum zu schmücken. Ich habe dann versucht, diesen Weihnachtsbaumzauber dadurch herzustellen, dass Papa mit den Kindern vor der Bescherung immer eine Runde spazieren ging, um dem Christkind, die Chance zu geben, die Geschenke zu bringen. Wenn sie wieder kamen, dann lagen kleine glitzernde Sternchen auf dem Boden. „Oh, die hat wohl das Christkind verloren!“. Wir haben dann auch nach dem Bielefelder Kinderchor gesungen, hatten inzwischen eine Kassette ohne Beschriftung, die war im Laufe der Jahre verloren gegangen und so wurde jedes Jahr ziemlich lange der Beginn von Stille Nacht, Heilige Nacht gesucht. Jedes Jahr wieder. Wir haben uns abgewechselt, weil es so lange dauerte. Je älter die Kinder wurden, umso mehr haben sie sich natürlich darüber lustig gemacht. Und doch war es ein irgendwie vertrautes Ritual, das dazu gehörte. Denn als sie uns dann endlich Jahre später eine CD vom Chor geschenkt haben und wir das Lied sofort gefunden haben, da fehlte irgendwie etwas. So ist Weihnachten für mich. Ich liebe es.

 

Verantwortung

 

Schuld, was für ein Thema. Geprägt durch die katholische Kirche, die von Erbsünde spricht, heißt also jedes Baby kommet eigentlich schon mit Schuld zur Welt und geprägt durch die deutsche Geschichte, ist Schuld ein großes Thema für uns. Niemand will Schuld an irgendetwas haben, deshalb neigen wir so manches Mal dazu keine Verantwortung zu übernehmen. Ver-antwortung, das Wort sagt es schon, wir antworten auf die Bedürfnisse von anderen und versuchen sie zu erfüllen und zu bedienen. Das ist erstmal natürlich und gesund, es ist ein Instinkt, uns z.B. um unsere Jungen zu kümmern, für Schwächere zu sorgen. S

 

Schuld kommt dann als Folge dieses Verantwortung-Übernehmens ins Spiel ,als die Überzeugung des eigenen Unwertes, wenn uns etwas nicht gelungen ist. Unter Umständen folgt dieser Unfähigkeit eine Strafe und deshalb wollen wir auf keinen Fall Schuld haben. Das haben wir als Kinder erlebt, wieder und wieder.

 

Das Ergebnis ist dann, dass wir versuchen, um Strafe zu vermeiden, der Verantwortung auszuweichen. Eine unsägliche Verquickung von Dingen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Wie gut wäre es, wenn wir diese Scheu vor Verantwortung ablegen könnten und eigenmächtig Entscheidungen treffen würden. Eigenmächtig als positive Eigenschaft, jemand, der Verantwortung übernimmt. Zunächst mal für uns selber, dafür sorgen, dass wir uns jederzeit im Spiegel angucken können.

 

Beziehung

 

„Unsere Beziehung ist größer als das Problem“, was für ein Satz. Er ist mir in der letzten Woche begegnet, als es um Lösungen für Beziehungsprobleme ging, die aus unterschiedlichen Meinungen resultieren. Davon haben wir im Moment ja wirklich genug.

 

Was heißt das? Es gibt da ein Problem, vielleicht ein richtig großes Problem. Es wird diskutiert, um die Wahrheit gerungen. Gegenseitige Vorwürfe stehen im Raum, scheinbar unvereinbare Positionen begegnen sich. Trotz all dieser Schwierigkeiten gibt es da zwischen diesen beiden eine Beziehung, eine Beziehung, die unabhängig von unterschiedlichen Positionen, besteht. Eine Beziehung, die von gegenseitiger Anziehung, Vertrauen, langjähriger Erfahrung miteinander und vor allem Liebe getragen ist. Stellt euch das mal als Bild vor, da ist diese große tiefe Beziehung und dieses eher kleine Problem. Wohin senkt sich die Waagschale?

 

Erich Fried hat es so schön gesagt:

 

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft

 

Es ist was es ist sagt die Liebe

 

 

 

Es ist Unglück, sagt die Berechnung

 

Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst

 

Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht

 

Es ist was es ist, sagt die Liebe

 

 

 

Es ist lächerlich, sagt der Stolz

 

Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht

 

Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung

 

Es ist was es ist, sagt die Liebe

 

Eigenmächtig

 

Eigenmächtig, was für ein Wort.  Definiert wird es mit: „dass jemand, der um Erlaubnis fragen müsste, ohne Auftrag/Befugnis/Genehmigung/Mandat/Vollmacht handelt“, heißt jemand übernimmt die Verantwortung für sich und sein Handeln, ohne das mit wem auch immer abzusprechen. Googelt man „eigenmächtig“, dann finden sich vor allem diese eher negativen Beschreibungen. Synonyme sind dann unerlaubt, unbefugt, auf eigene Faust, aber auch so etwas wie eigenverantwortlich.

 

Eigenverantwortung ist doch eine großartige Eigenschaft, selbst die Verantwortung und die Macht über sein Handeln übernehmen. Wer eigentlich sollte diese Verantwortung übernehmen, wenn nicht man selbst?  Wir alle geraten in Situationen, in denen schnelles, entschiedenes Handeln gefordert ist.

 

Wenn bitte sollen wir dann um Erlaubnis fragen?

 

Wer weiß besser als wir selber, was uns guttut und was unserer Wahrheit entspricht?  

 

In einer Gesellschaft, die vom Kontrollwahn befallen ist, ist das natürlich eine ziemlich aufrührerische Idee, eigenmächtig zu handeln. Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder tun würde? Ja, wo kämen wir hin?

 

Bodo Wartke hat es wunderbar besungen: https://www.youtube.com/watch?v=rRy_Fhr6j2Y

 

Enttäuschung

 

Gestern wieder Freibad. Ich habe mich mit einer Bekannten verabredet, mit der ich an unserem alten Wohnort immer im Freibad zusammen geschwommen bin. Wir haben uns immer gut unterhalten. In der Zeit, in der ihr Mann schwer krank war und letztlich verstorben ist, habe ich versucht Gesprächspartnerin zu sein. Ich habe mich gefreut, sie heute wieder zu sehen, denn alle Versuche, uns im Sommer an meinem neuen Wohnort im Freibad zu treffen sind gescheitert, weil sie nie Zeit hatte. Ich bin pünktlich am Freibad und warte auf sie, als die Minuten verstreichen, schaue ich mich auf dem großen Parkplatz um und entdecke ihr Auto. Also gehe ich rein und finde sie in der Um leide mit einer weiteren Person, ihrer Freundin, mit der sie immer zusammen zum Schwimmen geht, beide beim Anziehen.

 

Meine erstaunte Frage, wieso sie schon fertig sind, wird quittiert mit einem: „Hatten wir uns verabredet? Oh, hab ich vergessen“. Ich bin fassungslos, bringe meinen Unmut deutlich zum Ausdruck und schweige anschließend. Wer mich kennt, weiß, dass es ernst wird, wenn ich nichts mehr sage.  Dass sie diesen Termin vergessen hat, kann doch nur bedeuten, dass ich ihr ziemlich egal bin. Nix mit meiner Wahrnehmung, dass wir einen guten Draht zueinander haben.

 

Ich bin in solchen Momenten immer ziemlich irritiert. Mir sind andere Menschen wichtig, ich halte mich an Verabredungen und es bedeutet mir etwas, sie zu treffen. Offensichtlich ist das nicht bei allen so.

 

Maske

 

Da sitzt sie vor mir, die Pflegekraft, die uns alle halbe Jahre besucht, um für die Krankenkasse zu kontrollieren. Mit Maske sitzt sie da. Meine freundliche Aufforderung die Maske abzusetzen, wird mit der Bemerkung quittiert, sie würde die Maske auflassen, um sich vor uns zu schützen, da wir ja nicht geimpft seien. Bislang dachte ich immer, dass die Masken das Gegenüber schützen vor Ansteckung durch den Träger. Ihr war das offensichtlich so nicht bekannt. Maske war für sie der ultimative Schutz.

 

Meine Bemerkung, dass mich der Anblick von Maskenträgern zutiefst verletzt und ich auf diesen Schutz freiwillig verzichte, wurde vom Tisch gewischt. Unwichtig, ihr vermeintlicher Schutz war das einzig Interessante.

 

In solchen Momenten stehe ich immer etwas hilflos da und weiß nicht, welche Argumente helfen könnten, eine Änderung im Denken herbeizuführen. Ich weiß nicht, warum man nicht unterschiedliche Meinungen akzeptieren kann und sich freundlich an die Wünsche des Gegenübers anpassen kann. Die Maskenträger verlangen schließlich auch vom Rest der Welt, dass sie sich anpasst. Bisschen einseitig das Ganze. Alle werden aufgefordert, die Ängste dieser Personen zu bedienen. Das ist nicht unsere Aufgabe, tut mir leid.