Erziehen

Erziehen, das heißt dafür zu sorgen, dass die Staffel nicht herunterfällt.

 

Die Staffel weitergeben beginnt bei demjenigen, der die Staffel in der Hand hält, übertragen gesagt: gute Erziehung beginnt bei und mit den Eltern. Sie beginnt damit, dass Eltern sich über ihre Wünsche, ihre Erwartungen an die eigenen Kinder klar werden. Sie beginnt damit, dass Eltern um ihre eigenen Fähigkeiten und Schwächen wissen, dass Eltern erkennen und zulassen, dass sie für ihre Kinder nicht in jedem Fall der geeignete Ansprechpartner sind.

Wenn wir klein sind beginnen wir das Leben im Spiel zu üben, wir spielen Vater, Mutter, Kind und verarbeiten einerseits so die täglichen Erfahrungen, die wir machen, andererseits entsteht dort aber auch unser erstes Bild von Erziehung. Besonders gut konnte ich das an unserem damals 5-jährigen Sohn beobachten, der alleine spielte. Auf meine Frage: „Was spielst du denn gerade?“ kam die leicht genervte Antwort: „Vater, Mutter, Kind“. Meine erstaunte Nachfrage, dass er doch alleine sei, wurde mit dem Hinweis beantwortet: „Ich bin ein Vater, der keine Mutter und kein Kind hat:“ Und dann zog er alle Register und zeigte mir, wie seiner Meinung nach ein Vater zu agieren habe. Das in das Vaterbild zu jener Zeit schwer beschäftigte, zeigte sich auch als dieser handwerklich begabte Junge eines Tages wutentbrannt aus dem Kindergarten zurück kam. Er schimpfte laut vor sich hin: „Andere Kinder haben richtige Väter und ich?“ Meine Frage, was denn bitte ein richtiger Vater sei, beantwortet er mit: „Richtige Väter haben eine Werkbank – und was hat meiner?“ - tiefe Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit - „ meiner hat nur eine Rechenmaschine!“ Ich war verblüfft über diesen Ausbruch und konnte ihn gut verstehen, denn er hatte ohne Frage Recht. Sein technisch und handwerklich völlig unbegabter Vater konnte seinen Wünschen an dieser Stelle selbst mit der größten Kraftanstrengung nicht gerecht werden. Was er tun konnte war aber, ihn mit Menschen in Kontakt bringen, die ihm Handwerk vermitteln konnten, ihn ermutigen und unterstützen eigene Wege zu finden, sich die Materie anzueignen, seine Bemühungen, um mehr Wissen in diesem Bereich wertzuschätzen und anzuerkennen. Nicht verhindern konnten wir „unbegabten“ Eltern allerdings, dass unser inzwischen erwachsener „Tischler“( ja, diesen Beruf hat er tatsächlich erlernt) –heute davon spricht, er habe ein handwerkliches „Trauma“ erlitten. Denn durch uns hätte er den Eindruck gewonnen, handwerkliche Dinge seien extrem schwierig und kompliziert zu erledigen und deshalb würde er heute mit großem Respekt an manche Aufgabe herangehen, um dann festzustellen, dass es für ihn ganz einfach sei. Wir hätten viel zu viel Wirbel um solche Aufgaben gemacht….

Eltern, die mit sich selbst im Reinen sind, können solche Vorwürfe gelassen hinnehmen, schließlich entsprechen sie den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der beteiligten Parteien.

Eltern, die mit sich im Reinen sind, wissen um ihre eigenen Defizite und können mit Kritik gelassen umgehen. Bei einem so offensichtlichen Mangel wie fehlender technischer Begabung ist das relativ einfach. In diesem Fall wissen die Betroffenen schon lange von diesem Mangel, haben in den meisten Fällen ihren Frieden damit gemacht und stehen dazu. Schwieriger wird es, wenn es sich um Eigenschaften handelt, die bei den Eltern im Schatten liegen, die blinden Flecke, die wir alle mit uns herumtragen.

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Kinder, die wir bekommen in besonderem Maße, Eigenschaften mitbringen, die unsere blinden Flecken aktivieren. Da bekommt die kommunikative Mama, das schweigsame, sich gerne zurückziehende Kind, der wenig selbstbewusste, introvertierte Papa den vor Lebensfreude strahlenden Sohn. Da müssen sich die weltoffenen, einen unruhigen Haushalt führenden Eltern mit einem Kind auseinandersetzten, dass Ruhe, Beständigkeit und Traditionen über alles liebt.

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Martin (Samstag, 16 Juni 2012 12:50)

    Das würde doch heißen, dass es gerade auch in der Verantwortung von Eltern liegen sollte, zunächst mal die eigenen Schwachstellen und "Schattenseiten" sich genauer anzuschauen. Finde ich einen prima Vorschlag in Hinblick auf Prävention. C.G. Jung hat das mal "psychologische Erbsünde" genannt ....

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